Der sechste Patriarch verlässt das Elternhaus
Nachdem er das Dharma empfangen und sich vom Fünften Patriarchen verabschiedet hatte, traf der Sechste Patriarch im Faxing-Tempel auf Meister Yinzong. Eines Abends, als der Wind die Banner am Tor bewegte, hörte er zwei Mönche streiten – ...
Nachdem er das Dharma empfangen und sich vom Fünften Patriarchen verabschiedet hatte, traf der Sechste Patriarch im Faxing-Tempel auf Meister Yinzong. Eines Abends, als der Wind die Banner am Tor bewegte, hörte er zwei Mönche streiten – der eine sagte, der Wind bewege sich, der andere, das Banner bewege sich – und ihre Debatte drehte sich im Kreis, ohne je den Kern der Sache zu berühren. Der Patriarch sagte: „Würdet ihr einem schlichten Laien gestatten, euch in eurer erhabenen Unterhaltung beizuspringen? In Wahrheit bewegt sich weder der Wind noch das Banner – was sich bewegt, ist euer eigener Geist."
Als Yinzong das hörte, schor er dem Patriarchen das Haupt, und dieser Wortwechsel ging als das Koan „Wind und Banner" in die Chan-Tradition ein. Der Sechste Patriarch lehrte, dass Leere und Form eins sind, alle Phänomene eine einzige Soheit. Wenn Menschen künstliche Unterscheidungen treffen, entstehen dualistische Begriffe; sobald man auf eine Seite gerät und über Leere oder Form streitet, ist man bereits vom Weg abgekommen. Daher seine Lehre: Nicht der Wind bewegt sich, nicht das Banner bewegt sich – es sind die Geister der beiden Mönche, die sich bewegen.
Spätere Chan-Meister verfassten zahlreiche Verse, die diesem Koan unterschiedliche Deutungen und Einsichten abgewannen.
Meister Yuantong schrieb:
Nicht der Wind, auch nicht das Banner – warum in der klaren Nacht den jadeglatten Pfal erschüttern? In lichten Zeiten besteht kein Anlass, Rein und Unrein abzuwägen; der Unbeladene blickt einfach mit offenem Auge.
Hätten die beiden Mönche schon erwacht gewesen, hätte es keines weiteren Wortes des Sechsten Patriarchen bedurft – das Auge der Weisheit allein hätte die Sache geklärt.
Meister Caotang Qing schrieb:
Nicht der Wind, nicht das Banner, nicht der Geist – ein langer, langer Weg, an dem alles Suchen endet. Die weiße Wolke selbst hinterlässt keine Spur, stürzt doch über die Klippe, immer tiefer, immer tiefer.
Die Worte des Sechsten Patriarchen haben die weiße Wolke in Bewegung versetzt und sie über die Klippe in immer tiefere Tiefen gestürzt, sodass spätere Chan-Übende das Letzte nicht mehr auf diesem Weg suchen und nicht mehr dadurch zur Erweckung gelangen konnten.
Meister Zide Hui dichtete:
Ist es Wind, ist es Banner? Zweifle nicht – schlendere unbeschwert durch die hundert Gräser und kehre heim. Der königliche Weg ruht, es gibt nichts zu verbergen; Schmetterlinge und Singvögel umkreisen spielerisch die Bäume.
Phänomene lassen sich niemals von ihrem Wesen trennen – so wenig wie Schmetterlinge und Singvögel den blühenden Baum, den sie umkreisen.
Diese drei Verse stehen für drei unterschiedliche Deutungen und drei verschiedene Erfahrungsbereiche.