Was ist ein Gong'an?
Ursprünglich bezeichnete Gong'an Akten, die von öffentlichen Stellen bearbeitet wurden — Rechtsfälle ohne Präzedenz. Im Chan jedoch steht das Wort für einzelne Berichte vom Erwachen alter Chan-Meister. Es sind Geschichten von Begegnungen...
Ursprünglich bezeichnete Gong'an Akten, die von öffentlichen Stellen bearbeitet wurden — Rechtsfälle ohne Präzedenz. Im Chan jedoch steht das Wort für einzelne Berichte vom Erwachen alter Chan-Meister. Es sind Geschichten von Begegnungen zwischen Patriarchen und Schülern durch die ganze Chan-Geschichte hindurch, und die meisten wirken nach gewöhnlichen Maßstäben völlig unvernünftig.
Für jemanden, der Chan nur oberflächlich kennt oder nicht weiß, was die Chan-Praxis eigentlich umfasst, kann ein Gong'an wie das Gefasel von Verrückten klingen. Als Faustregel gilt: Je leichter und durchsichtiger ein Gong'an ist, desto elementarer ist er; je rätselhafter und undurchdringlicher, desto fortgeschrittener.
In den 250 Jahren nach dem Sechsten Patriarchen Huineng erblühte der Chan. Von Huinengs direkten Schülern über die vierte Generation von Meistern wie Zhaozhou, Huangbo und Weishan bis zur fünften Generation mit Linji, Yangshan und Deshan — diese Methode des plötzlichen Erwachens verhalf unzähligen Menschen zur Erleuchtung.
Insgesamt gibt es etwa 1.700 solcher Chan-Gong'an. Vor der Nördlichen Song-Dynastie hatte niemand daran gedacht, sie zu sammeln oder zu ordnen. Dann, in der Nördlichen Song-Dynastie, stellte Fenyang Shanzhao Einhundert Gong'an der früheren Weisen zusammen und nutzte die Geschichten darin, um Fragen aufzuwerfen: Warum erwachten die Patriarchen, nachdem sie sich genau so verhalten hatten? Solche Fragen immer wieder zu stellen, das nennen wir die Erforschung eines Gong'an.
Hat ein Schüler ein bestimmtes Stadium in der Praxis erreicht, kann der Lehrer ihm einen Gong'an zur Erforschung zuweisen. Die Arbeit damit hilft dem Schüler, weiterzukommen. Gibt jedoch ein weniger fähiger Lehrer wahllos einen Gong'an aus, der nicht zum Zustand des Schülers passt, läuft die Erforschung ins Leere.
Einen Gong'an zu erforschen ist weder Raten noch Spekulieren, und es ist auch keine Sache des bloßen Verstandes. Man kann ihn auch nicht mit gesundem Menschenverstand oder buddhistischem Wissen knacken. Viele haben Bücher geschrieben, die Gong'an erklären — doch das bleibt Erklärung, nicht Erforschung, und hat mit tatsächlichem Erwachen nichts zu tun. Kann ein Gong'an also erklärt werden? Selbstverständlich. Doch für die Chan-Praxis bringt dich das Analysieren eines Gong'an nicht weiter.
Solange du einen Gong'an nicht selbst durchdrungen hast, bleibt er nur ein Werkzeug. Erst nach dem Erwachen tritt sein lebendiger Geist zutage. Mit Vernunft oder Vorstellungskraft erreichst du das Herz des Erwachens eines Patriarchen nicht. Du musst angesichts der Frage, die der Gong'an aufwirft, einen großen Zweifel wecken — und an der Frage festhalten, ohne sie selbst logisch auflösen zu wollen.
Selbst nach dem Erwachen zu einem Gong'an kannst du seine Bedeutung nicht vollständig in Worte fassen, um sie einem anderen darzulegen. Du kannst nur bei jemandem, der weiter ist als du oder auf gleicher Stufe steht, Bestätigung suchen — mit Gesten, im Handeln, auf der Suche nach Anerkennung. Das nennt man ein Geist-zu-Geist-Siegel.