Sind wir über alle unsere Leben hinweg dasselbe Ālayavijñāna?
Meister, das achte Bewusstsein, das Ālayavijñāna, ist das erste, das zum Zeitpunkt der Empfängnis in den Mutterleib eintritt, und das letzte, das uns bei dem Übergang in die nächste Wiedergeburt verlässt. Ist es also über alle unsere Leb...
Frage: Meister, das achte Bewusstsein, das Ālayavijñāna, ist das erste, das zum Zeitpunkt der Empfängnis in den Mutterleib eintritt, und das letzte, das uns bei dem Übergang in die nächste Wiedergeburt verlässt. Ist es also über alle unsere Leben hinweg dasselbe Ālayavijñāna?
Der ehrwürdige Meister Jingjie antwortet: Wie funktioniert das Ālayavijñāna? Es wird ständig von den Prägungen unserer Handlungen geformt! Immer wenn du wiedergeboren wirst, hast du eine Lebensspanne von bestimmter Länge, nicht wahr? Sie kann ein paar Tage, ein paar Jahre oder sogar ein paar Jahrzehnte dauern. In dieser Lebensspanne wirst du unweigerlich körperliche, verbale und geistige Handlungen begehen. Jedes Mal, wenn du eine Handlung begehst, nimmt das achte Bewusstsein die entsprechenden karmischen Prägungen in sich auf. Es ist also unmöglich, dass dein Ālayavijñāna über all deine Wiedergeburten hinweg genau gleich bleibt – das schlichtweg nicht geht. Es nimmt ständig neue Prägungen auf. Ich spreche noch nicht einmal von Unterschieden zwischen verschiedenen Wiedergeburten: Dein Ālayavijñāna heute ist schon anders als noch gestern. Schon ein einziger Tag macht einen Unterschied. Das ist der erste Punkt.
Zweitens: Warum können wir uns nach unserer Geburt nicht mehr an unsere vergangenen Leben erinnern? Tatsächlich enthält dein Ālayavijñāna unzählige karmische Samen. Dein gegenwärtiges Leben ist nur ein winziger Bruchteil der Samen, die bereits gereift sind und Frucht getragen haben. Deshalb haben Menschen, die mit viel gutem Karma gesegnet sind, oft Schwierigkeiten, den Geist der Entsagung zu kultivieren: Sie lassen sich leicht von den angenehmen Umständen ihres gegenwärtigen Lebens täuschen und gehen davon aus, dass all ihre vergangenen und zukünftigen Wiedergeburten ebenso verlaufen werden. Deshalb verfallen sie leicht in Ewigkeitsansichten (die irrige Annahme, dass ein festes, permanentes Selbst über all ihre Wiedergeburten hinweg existiert).
Ich möchte euch alle daran erinnern: Dieses gegenwärtige Leben von euch könnte sehr wohl das beste sein, das ihr über all eure unendlichen Wiedergeburten hinweg hattet. Das stimmt. Ihr wart in der Vergangenheit vielleicht unzählige Male in den drei niederen Daseinsbereichen wiedergeboren, aber ihr habt all das vergessen. Ihr habt einfach den günstigsten Teil eurer karmischen Last für dieses Leben „gezogen“. Dieses Leben ist nur ein winziger Bruchteil eures unendlichen Vorrats an karmischen Samen. Der Buddha nutzte das Gleichnis einer Wasserblase, um dies zu veranschaulichen: Betrachte den unermesslichen Ozean – eine einzelne Wasserblase ist nur ein winziger Teil all dieses Wassers.
Vertraut diesem gegenwärtigen Leben nicht zu sehr! Es ist nur ein winziger Bruchteil eurer unzähligen vergangenen und zukünftigen Wiedergeburten. Lasst euch nicht von den Umständen eures gegenwärtigen Lebens täuschen, ganz besonders die unter euch, die mit viel gutem Karma gesegnet sind. Der Buddha lehrte uns, die Kontemplation der Vergänglichkeit zu pflegen.
Das liegt daran, dass eure karmischen Prägungen untereinander keine feste, inhärente Verbindung haben. Das gute Karma, das ihr in diesem Leben erfahrt, kann auf dem karmischen Verdienst beruhen, das ihr in einem vergangenen Leben durch die Einhaltung der fünf Gebote und die Ausübung der zehn heilsamen Taten geschaffen habt – gleich ob dieses Verdienst von hoher, mittlerer oder niedriger Art war: Dieses karmische Ergebnis manifestiert sich eben jetzt. Was das Festhalten des siebten Bewusstseins angeht – seine Anhaftung an ein Selbst, versteht ihr? – Dieses Festhalten ist sehr stark ausgeprägt: Es hält weder an der Vergangenheit noch an der Zukunft fest. Es klammert sich einzig an das gegenwärtige Leben. Deshalb kann es kein Selbstkonzept aus einer vergangenen Wiedergeburt mit sich führen.
Das siebte Bewusstsein ist extrem fokussiert: Es klammert sich an jede Wiedergeburt, die ihr durchlauft, und an jedes karmische Ergebnis, das ihr erfahrt. Deshalb übernimmt das siebte Bewusstsein die Identität dessen, woran es gebunden ist: Wenn du eine Ameise bist, entwickelt es das Selbstgefühl einer Ameise; wenn du zu einem König wirst, nimmt das siebte Bewusstsein den König als sein Selbst an. All diese Bedingungen befinden sich ständig im Wandel, weshalb der Buddha das Prinzip des Nicht-Selbst lehrte: Es gibt nirgendwo ein permanentes, unveränderliches Selbst.