Professor Lin Chong-An: Selbstlosigkeit und Leerheit — Vorlesung 5: Die Selbstlosigkeit und Leerheit der Madhyamaka-Prasangika-Schule
Vorlesung 5
Selbstlosigkeit und Leerheit: Vorlesung 5
Die Selbstlosigkeit und Leerheit der Madhyamaka-Prasangika-Schule
Lin Chong-An (2007)
Die Farbscheiben-Analogie: Stellen Sie sich eine in drei farbige Segmente — Rot, Grün und Blau — unterteilte Scheibe vor. Wenn sie schnell gedreht wird, erscheint sie als einheitliche weiße Scheibe. Wir wollen diese Lehre anhand dreier Betrachtungsebenen untersuchen.
(1) Die erste Ebene ○ Analogie: Beobachten Sie, dass die weiße Scheibe nicht substanziell existierend, sondern nur nominal existierend ist. Sie wird allein in Abhängigkeit von der darunter liegenden, rotierenden farbigen Oberfläche als weiße Scheibe festgelegt. Nach derselben Überlegung sind auch die roten, grünen und blauen Segmente der Scheibe nicht substanziell existierend — sie sind nominal existierend, jeweils durch Konvention in Abhängigkeit von den anderen festgelegt. Sowohl die erscheinende weiße Scheibe als auch die zugrunde liegende farbige Scheibe sind leer von substanzieller Existenz. ○ Dharma-Prinzip: Beobachten Sie, dass eine Person nicht substanziell existierend, sondern nur nominal existierend ist. Sie wird allein in Abhängigkeit von den fünf Aggregaten von Körper und Geist als Person festgelegt. Die nominal existierende Person wird in Abhängigkeit von den ebenfalls nominal existierenden fünf Aggregaten festgelegt. Eine Person ist keine unabhängige substanzielle Entität; dies wird als „Leerheit der selbstbegründeten substanziellen Existenz der Person" bezeichnet — dies entspricht der „groben Selbstlosigkeit der Person" der Prasangika-Schule.
(2) Die zweite Ebene ○ Analogie: Beobachten Sie, dass die zugeschriebene weiße Scheibe nicht wahrhaft existiert. Die weiße Scheibe, die wir wahrnehmen, stimmt nicht mit der eigentlichen Natur der darunter rotierenden Scheibe überein: Sie beruht auf dem Persistenzsehen des Beobachters. Dieser subjektive Beitrag wird als „Begründung durch mentale Zuschreibung" bezeichnet. Nach derselben Logik sind auch die verschiedenen Farben der Scheibe nicht wahrhaft existent — auch sie beruhen auf mentaler Zuschreibung. ○ Dharma-Prinzip: Beobachten Sie, dass die zugeschriebene Person nicht wahrhaft existiert. Die Person, die wir wahrnehmen, stimmt nicht mit der eigentlichen Natur der Aggregate überein, aus denen sie besteht: Dieses Zuschreiben beruht auf dem gedanklichen Konstrukt des Beobachters. Ebenso beruhen auch Körper, Geist, die fünf Aggregate und alle damit verbundenen Phänomene auf mentaler Zuschreibung. Sie entsprechen keiner unabhängigen, wahrhaft existierenden Natur und sind daher leer von wahrer Existenz (leer von ultimativer Wahrheit) — dies entspricht der „groben Selbstlosigkeit der Phänomene" der Prasangika-Schule.
(3) Die dritte Ebene ○ Analogie: Beobachten Sie, dass die zugeschriebene weiße Scheibe nicht aus sich selbst heraus existiert. Über die Diskrepanz zwischen der wahrgenommenen und der eigentlichen Natur hinaus verändert sie sich je nach Art der Beobachtung sowohl geringfügig als auch erheblich. Es gibt keine rein objektive, selbstgenügende Existenz. Sie beruht lediglich auf begrifflicher Zuschreibung und ist daher leer von inhärenter Natur. Nach derselben Überlegung existiert auch die farbige Scheibe nicht aus sich selbst heraus und ist leer von inhärenter Natur. ○ Dharma-Prinzip: Beobachten Sie, dass die zugeschriebene „Person" nicht aus sich selbst heraus existiert. Über die Diskrepanz zwischen der wahrgenommenen und der eigentlichen Natur hinaus verändert sie sich als Reaktion auf die Beobachtung sowohl in größerem als auch in geringerem Maße. Es gibt für eine Person keine rein objektive, selbstgenügende Existenz. Sie beruht lediglich auf begrifflicher Zuschreibung, was als „Leerheit der Person von inhärenter Natur" bezeichnet wird — dies ist die „subtile Selbstlosigkeit der Person" der Prasangika-Schule. ○ Dharma-Prinzip: Beobachten Sie, dass die zugeschriebenen „fünf Aggregate" nicht aus sich selbst heraus existieren. Über die Diskrepanz zwischen der wahrgenommenen und der eigentlichen Natur hinaus verändern sie sich als Reaktion auf die Beobachtung sowohl in größerem als auch in geringerem Maße. Es gibt für die Aggregate keine rein objektive, selbstgenügende Existenz. Sie beruhen lediglich auf begrifflicher Zuschreibung, was als „Leerheit der fünf Aggregate von inhärenter Natur" bezeichnet wird — dies ist die „subtile Selbstlosigkeit der Phänomene" der Prasangika-Schule. ○ Analogie: Die subtilste Sicht des abhängigen Entstehens: Wir verstehen, dass die weiße Farbe der Scheibe durch die Rotation der farbigen Scheibe bedingt ist, ebenso durch das Persistenzsehen des Beobachters, und dass sie bei der Beobachtung zusätzlich durch den Akt des Beobachtens selbst geformt wird — sie ist keine rein objektive, unabhängige Entität. ○ Dharma-Prinzip: Die subtilste Sicht des abhängigen Entstehens: Wir verstehen, dass die Person und die fünf Aggregate in Abhängigkeit voneinander begründet sind, dass sie durch mentale Zuschreibung festgelegt werden und dass sie bei der Beobachtung lediglich durch begriffliche Zuschreibung bestimmt, unausweichlich durch den Akt des Beobachtens geformt werden und nicht als rein objektive Entitäten existieren.
Moderne wissenschaftliche Experimente bestätigen diese Einsicht: Der Beobachter beeinflusst das Beobachtete stets, eine rein objektive Existenz ist nicht möglich.
[Praxis]
- Kultivieren Sie Shamatha (ruhige Verweilung) durch Praktiken wie Gehmeditation.
- Kultivieren Sie die rechte Sicht der Selbstlosigkeit durch Hören und Nachdenken, indem Sie die Unterscheidungen klären zwischen dem „Selbst getrennt von den Aggregaten", dem „Selbst identisch mit den Aggregaten", dem substanziell existierenden Selbst, dem wahrhaft existierenden Selbst und dem inhärent existierenden Selbst.
- Nutzen Sie im Anschluss die kultivierte ruhige Verweilung, um Einsicht (Vipassana) zu entwickeln, und bringen Sie Shamatha und Vipassana zur Einheit. Dadurch entsteht fundamentale nicht-begriffliche Weisheit, durch die Sie die Leerheit von inhärenter Natur direkt verwirklichen und die Unwissenheit an ihrer Wurzel ausmerzen.