← Zeitschrift Practice · Zen practice

Prof. Lin Chong'an: Ein Q&A zur Einsichtsmeditation

Vipassana – auf Chinesisch 内观 (nèiguān), „innere Betrachtung" – wird im Englischen meist als „insight" (Einsicht) bezeichnet.

  1. Q: Was ist Vipassana? A: Vipassana – auf Chinesisch 内观 (nèiguān), „innere Betrachtung" – wird im Englischen meist als „insight" (Einsicht) bezeichnet.

  2. Q: Was ist die Vipassana-Methode? A: Die Vipassana-Methode besteht darin, sich nach innen zu wenden, um die gegenwärtige Wirklichkeit von Körper und Geist zu beobachten und nicht länger an ihnen als „Selbst" festzuhalten. So lässt man die Befleckungen erlöschen.

  3. Q: Wo liegen Ursprung und Überlieferung der Vipassana-Methode? A: An einem Morgen um 531 v. u. Z. saß Prinz Siddhartha unter dem Bodhi-Baum in Indien und erkannte klar die Wirklichkeit seines eigenen Körpers und Geistes. Durch dieses unmittelbare Sehen überwand er die Unwissenheit und wurde der Buddha. Von da an lehrte Shakyamuni Buddha die Vipassana-Methode in ganz Indien. Unter seiner Anleitung erwachten Zehntausende von Schülern durch diese Praxis, befreiten sich von ihren Befleckungen und führten ein Leben in Frieden und Gelassenheit. Die Zeit verging, und in Indien selbst stellte der Bodhisattva Asanga um 350 u. Z. das hundert Faszikel umfassende Yogācārabhūmi Śāstra zusammen, das wichtige Lehren über Vipassana bewahrt. Dann, um 1200 u. Z., fielen muslimische Heere auf dem Subkontinent ein, und der Buddhismus in Indien – einschließlich der Vipassana-Tradition – verblasste allmählich.

  4. Q: Wie nahm die Vipassana-Methode innerhalb dessen Gestalt an, was wir heute Theravada-Buddhismus nennen? A: Nach dem Tod des Buddhas sandte Kaiser Ashoka um 254 v. u. Z. Missionare in die Länder rund um Indien. Durch sie verbreitete sich die Vipassana-Methode nach Sri Lanka, Myanmar, Laos und Thailand und bildete schließlich das, was wir heute „Theravada-Buddhismus" nennen.

  5. Q: Gelangte die Vipassana-Methode in jener Zeit auch nach China? A: Kaiser Ashoka sandte auch Lehrer nach Kaschmir, um den Dharma zu verbreiten. Um 150 u. Z. fand der Buddhismus Eingang nach China, und Übersetzer brachten die Vipassana-Methode mit. Dort wurde die Atembetrachtung zur wichtigsten Einstiegspraxis, doch da sie als Lehre des „Kleinen Fahrzeugs" galt, konnte sie im chinesischen Kernland nie richtig Wurzeln schlagen. Im Jahr 648 u. Z. übersetzte Meister Xuanzang das Yogācārabhūmi Śāstra aus dem Sanskrit ins Chinesische. Der Abschnitt Śrāvaka-bhūmi beschreibt ausführlich, wie ein Übender den Grund bereitet, Einpunktheit des Geistes erlangt, Vipaśyanā (Einsicht) kultiviert und die Hindernisse der Meditation überwindet. Doch Lehrer, die Vipassana nach diesen Anweisungen auch tatsächlich übertragen konnten, blieben selten.

  6. Q: Wie gelangte die Vipassana-Methode in der Neuzeit nach Taiwan? A: Die Vipassana-Tradition, die nach Thailand, Myanmar und Sri Lanka gelangt war, zog in Taiwan ab etwa 1989 durch Übersetzungen und Veröffentlichungen Aufmerksamkeit auf sich. Die ersten erschienenen Bücher waren Aussprüche und Biografien von Theravada-Meistern – Ajahn Chahs Our Real Home und A Gift of Dhamma, Buddhadasa Bhikkhus The Heartwood of the Bodhi Tree und Handbook for Mankind sowie Mahā Boowas Biografie des Ehrwürdigen Ācariya Mun. Diese Schriften inspirierten Buddhisten unterschiedlichster Herkunft, nach Thailand und Myanmar zu reisen, um an Vipassana-Retreats teilzunehmen und von verschiedenen Linien zu lernen. In Taiwan selbst fand 1995 das erste längere Vipassana-Retreat statt, als Professor Lin Chong'an S. N. Goenka zum Lehren einlud. Veranstaltet in Zusammenarbeit mit der Hui-Ju-Gesellschaft und dem Foguang-Institut für buddhistische Forschung und ausgerichtet an der Yuanguang-Buddhismusakademie, zog dieser erste zehntägige Kurs 220 Teilnehmende an. Es folgten weitere Kurse. Lehrer verschiedener Theravada-Linien – Pa Auk Sayadaw, Luangpor Pramote, Sayadaw Ñāṇātilaka und andere – kamen weiterhin nach Taiwan, um persönliche Anleitung zu geben, und ihre Schüler nahmen mit großer Begeisterung teil. Die Methoden, die diese Lehrer anboten, umfassten sowohl statische als auch dynamische Formen von Vipassana, jede mit ihrem eigenen Charakter, und halfen den Übenden, ihre blinden Flecken zu erkennen und in der Praxis zu wachsen.

  7. Q: Was sind die besonderen Merkmale dieser verschiedenen Vipassana-Methoden? A: Auf der Website insights.org.tw finden Sie Professor Lin Chong'ans Artikel „An Exploration of Vipassana Meditation".

  8. Q: Was ist statisches Vipassana? A: Mit „statischem Vipassana" meinen wir das Sitzen in Stille – der Körper unbewegt, die Augen geschlossen, die Aufmerksamkeit auf einen einzigen Punkt im Körper gesammelt. Von dort aus kultiviert man die vier Jhānas und geht dann dazu über, Gefühle und Geisteszustände zu beobachten.

  9. Q: Was ist dynamisches Vipassana? A: Beim dynamischen Vipassana bleiben Augen und Ohren auf natürliche Weise offen. Der Geist bleibt entspannt und achtet schlicht auf jede Bewegung des Körpers, während sie geschieht. Nehmen wir die Gehmeditation: Man geht in entspanntem Tempo hin und her und bleibt sich jedes Schritts bewusst. Bei der Atembetrachtung bleibt man sanft achtsam bei jedem Ein- und Ausatemzug, ohne sich auf einen einzigen Punkt zu konzentrieren. Vertieft sich diese Übung, beginnt die Achtsamkeit sich in alle Tätigkeiten auszudehnen – Gehen, Stehen, Sitzen, Liegen. Mit der Zeit kann man Gefühle und Gedanken klar erkennen, ohne sich in ihnen zu verfangen.

  10. Q: Woher wissen wir, dass diese Vipassana-Methoden wirklich den Lehren des Buddhas folgen? A: Aus den Lehrreden des Buddhas in den Āgama-Sūtras geht hervor, dass seine Schüler ihren Geist vom Morgen bis zum Abend durch Gehmeditation und stilles Sitzen läuterten. Das Kernfundament der Praxis beruhte auf fünf Übungen: ethische Disziplin (śīla-saṃvara), Zügelung der Sinne (indriya-saṃvara), Mäßigkeit im Essen, gewissenhaftes Wachen während der ersten und letzten Nachtwache sowie das Verweilen in klarem Gewahrsein. Diese Kernpraxis ermöglichte es den Schülern, jederzeit nach innen zu schauen – in Stille wie in Bewegung –, vollständig im gegenwärtigen Augenblick zu leben und das Leben mit der Meditation zu verschmelzen. Indem wir eine beliebige Vipassana-Methode mit den Āgama-Sūtras vergleichen, können wir beurteilen, ob sie mit dem übereinstimmt, was der Buddha tatsächlich lehrte.

  11. Q: Worauf kommt es in der Vipassana-Praxis an? A: Die verschiedenen heutigen Vipassana-Methoden mögen mit unterschiedlichen Techniken beginnen, doch in den späteren Stadien haben sie eine gemeinsame Grundlage: einen Geist, der in allen Tätigkeiten – Gehen, Stehen, Sitzen, Liegen – entspannt und offen bleibt, Achtsamkeit und klares Gewahrsein aufrechterhält, sich in jedem Moment nach innen wendet, um klar zu erkennen, wer wir in diesem Augenblick sind, und nicht länger an Körper und Geist als „Selbst" festhält. Mit einem erwachten und weisen Herzen begegnen wir den Höhen und Tiefen des Lebens, und das Leben selbst wird eins mit der Meditation. So praktiziert, gehen wir denselben Weg wie die Schüler des Buddhas von einst. Nur auf diesem Weg können wir dieselbe Stadt des Nirvana erreichen – das vollständige Erlöschen des Leidens.