Meister Xuyun: Der Weg ist niemals getrennt von Gehen, Stehen, Sitzen und Liegen
Man sät Korn, aus dem Setzlinge keimen, verpflanzt diese, damit sie zu Reisstauden heranwachsen, erntet die Stauden und kocht das Korn zu einer Mahlzeit. Die Buddha-Natur ist wie ein Same: Die grundlegende Natur aller fühlenden Wesen unt...
Die Übung des Weges gleicht der Pflege eines Reisfeldes: Man sät Korn, aus dem Setzlinge keimen, verpflanzt diese, damit sie zu Reisstauden heranwachsen, erntet die Stauden und kocht das Korn zu einer Mahlzeit. Die Buddha-Natur ist wie ein Same: Die grundlegende Natur aller fühlenden Wesen unterscheidet sich nicht von der des Buddha, denn euer eigener Geist ist der Buddha – daher der Name Buddha-Natur. Dieser Same mag weit entfernt erscheinen von den Setzlingen, den Stauden, dem Korn und dem gekochten Essen, doch glaubt nicht, er sei zu fern, um jemals zu dieser Mahlzeit zu werden.
Um die Buddhaschaft zu erlangen, braucht ihr zunächst Glauben – das ist, als würdet ihr den Samen in die Erde legen und darauf warten, dass er zu Setzlingen keimt. Dabei müsst ihr euch vor versengten Setzlingen und verdorbenen Samen hüten: eine Mahnung, keine Zeit zu verschwenden und euren rechten Zeitpunkt nicht zu verpassen. Ihr müsst dem Mahayana-Pfad folgen und nicht in den Hinayana-Pfad abirren, der eure endgültige Befreiung blockiert. Nach dem Verpflanzen der Setzlinge müsst ihr Unkraut jäten, ebenso wie ihr eingewurzelte Neigungen und Fehler in eurer Übung ausreißen müsst. Ihr müsst alle sieben Gefühle und sechs Begehrlichkeiten loslassen, die zehn Fesseln und zehn Affektionen, die drei Gifte und die zehn unheilsamen Taten sowie jede Spur von verblendeter Befleckung. Dann wird der Same der Weisheit und der geistige Spross ungehindert wachsen, bis er Frucht trägt.
Wahre Praxis findet mitten im Alltag statt – ihr müsst nicht mit geschlossenen Augen in formeller Meditation sitzen, damit sie gilt. Ihr könnt in allen vier würdevollen Haltungen üben – Gehen, Stehen, Sitzen, Liegen – und dabei die dreifache Schulung von Geboten, Sammlung und Weisheit anwenden, um die drei Gifte von Gier, Abneigung und Verblendung zu durchtrennen. Ihr müsst eure sechs Sinne bändigen, so wie ein Hirt seine Herde hütet, damit sie nicht die Setzlinge eurer Übung zertreten. Wenn eine schöne Frau vor euch steht, sieht ein weltlicher Mensch eine blühende Blume, während ein Chan-Praktizierender in ihr einen Geist sieht, der den Geist trübt und in die Irre führt. Wenn eure Augen unerschütterlich bleiben vom Sinnesstaub der Form, werden auch die übrigen fünf Sinne standhaft bleiben: Ihr werdet nicht bei angenehmen Düften sabbern und nicht bei üblen Gerüchen die Nase rümpfen. Ihr werdet euch nicht über oberflächliche Nichtigkeiten wie lange Augenbrauen, kurze Zähne oder gar allgemeine Platzhalternamen wie Zhang San und Li Si aufregen, noch werdet ihr euch in Streit um Selbst und Anderes, Richtig und Falsch verheddern.
Die vom Großen Wesen Shide überlieferten Verse des Bodhisattva Maitreya lauten:
Dieser alte Narr trägt ein zerlumptes Baumwollgewand, Einfache Mahlzeiten füllen mir den Bauch bis zum Rand. Geflickte Kleider halten die Kälte ab, Ich lasse alle Dinge kommen, wie sie sind. Schilt mich jemand, sage ich: Er hat recht. Schlägt mich jemand, lege ich mich hin und schlafe. Spucke trifft mein Gesicht, ich lasse sie von selbst trocknen – Ich spare meine Kraft, und sie tragen keine Last. Solch eine Pāramitā ist ein kostbarer Schatz, größer als alle Wunder. Begreift ihr diese Wahrheit, warum fürchtet ihr, der Weg bleibe unvollendet?
Ich streite nicht um Richtig und Falsch, Ich kümmere mich nicht um häusliche Pflichten, Ich kämpfe nicht um Selbst und Anderes, Ich spiele nicht den starken Helden. Ich springe hinaus aus der lodernden Feuersgrube Und werde ein kühles, unbeflecktes Wesen. Ich erwache zur ewigen Wahrheit des Lebens Und nehme Sonne und Mond zu meinen nächsten Gefährten. Das ist Übung des Weges an jedem Ort: Der Weg beschränkt sich nicht allein auf das Meditationskissen. Wenn ihr den Weg nur auf eurem Meditationskissen sucht, werdet ihr geradewegs in die Falle gehen, vor der die vier Kriterien warnen: „Wenn sich ein falsches Karmareich vor euch zeigt, werdet ihr ihm im Nu folgen.“
Als Mensch in dieser Welt werdet ihr bei eurem Umgang mit anderen unweigerlich Lob und Kritik zu hören bekommen. Wenn ihr diese Schranke durchbrechen könnt, seid ihr von aller Befleckung befreit. Wenn Menschen euch loben und ihr euch von der Freude davontragen lasst, werdet ihr vom Dämon der Freude verblendet. Drei Komplimente können euch bis ins hohe Alter tragen; wenn Menschen euch kritisieren, sind sie eure guten geistigen Freunde: Sie helfen euch, eure Fehler zu erkennen, inspirieren euch, sie zu beheben, und spornen euch an, unheilsame Taten aufzugeben und Gutes zu tun. Essen, Kleidung, Obdach – nichts davon ist getrennt vom Weg. Gehen, Stehen, Sitzen, Liegen: jede Handlung ist der Weg. Alle achtundvierzigtausend feinen, detaillierten Übungen sind in diesen vier würdevollen Haltungen enthalten.
—1955, 17. Tag des vierten Mondmonats Dharmavortrag von Meister Xuyun auf dem Berg Yunju