Meister Hanshan: Strebe nicht nach allen möglichen Vergnügungen für diesen physischen Körper
Für Mönche und Nonnen ist der erste wesentliche Punkt, den es zu verstehen gilt: Der grundlegende Zweck des Verlassens der Heimat, des Loslösens von weltlichen Bindungen und der Trennung von der Familie ist es, Geburt und Tod zu transzen...
Für Mönche und Nonnen ist der erste wesentliche Punkt, den es zu verstehen gilt: Der grundlegende Zweck des Verlassens der Heimat, des Loslösens von weltlichen Bindungen und der Trennung von der Familie ist es, Geburt und Tod zu transzendieren. Wenn ihr entschlossen seid, euch der großen Angelegenheit von Geburt und Tod anzunehmen, müsst ihr wissen, dass alle weltlichen Dharmas die Wurzel des Leidens sind und der Körper selbst ein Aggregat des Leidens ist. Ihr müsst die Aspiration für die Übung erwecken und den Weg zur Befreiung vom Leiden suchen.
Zunächst müsst ihr euren gegenwärtigen Zustand von Körper und Geist durchschauen. Bedenkt, dass dieser Körper lediglich ein vorläufiges Aggregat ist, das aus den vier großen Elementen besteht: Erde, Wasser, Feuer und Wind. Wenn sich jedes dieser vier Elemente schließlich voneinander löst, wo bleibt dann dieser gegenwärtige, verblendete Körper? Sobald ihr diese Wahrheit durchschaut, werdet ihr nicht mehr allen möglichen Vergnügungen für diesen physischen Körper nachjagen.
Als Nächstes müsst ihr die in eurer unmittelbaren Erfahrung auftauchende Wahrnehmung, das Hören, die Erkenntnis und das Bewusstsein durchschauen: Sie sind voll und ganz die Aktivität verblendeten Denkens und überhaupt nicht der wahre Geist. Durch diesen verblendeten Geist erschafft ihr alle Arten von Karma; jeder aufsteigende Gedanke, jede geistige Regung ist nichts als Karma, nichts als Vergehen. Selbst dieser einzelne Gedanke ist die Wurzel des Leidens von Geburt und Tod. Ihr dürft euch auf keinen Fall von diesen verblendeten Gedanken mitreißen lassen, die euch in ihrem Strudel mit sich ziehen. Beobachtet in eurem Alltag mit ständiger, aufmerksamer Wachsamkeit: Sobald ein verblendeter Gedanke aufsteigt, durchschaut ihn sofort und löscht ihn auf der Stelle aus. Folgt ihm nicht, sondern löst euch sofort von ihm, damit er sich nicht an Objekte heftet und weit in die Irre schweift, ohne je zurückzukehren.
Wenn eure Übung der Gedankenbeobachtung noch unbeständig ist und ihr keine klare Methode habt, nehmt die Rezitation von „Amitabha Buddha“ als einziges Hua Tou (Schlüssel-Meditationssatz des Chan), haltet es fest und lasst es keinen einzigen Augenblick lang aus eurem Geist entweichen. Wenn ihr bei Auftauchen eines verblendeten Gedanken euren Geist sofort Amitabha Buddha zuwendet, ist das rechte Achtsamkeit, die augenblicklich Fuß fasst. Verblendete Gedanken werden dann von selbst verschwinden, ohne dass ihr sie aktiv vertreiben müsst. Wendet auf diese Weise während der gesamten 24 Stunden des Tages ständige, fokussierte Aufmerksamkeit auf: Haltet einzig an diesem einen Gedanken als eurem Meister fest und betrachtet alle anderen verblendeten Gedanken als Gäste. Sobald ihr klar zwischen Gastgeber und Gast unterscheiden könnt und diese Übung über einen längeren Zeitraum hinweg fortsetzt, bis sie vollkommen natürlich und mühelos geworden ist, werden verblendete Gedanken von selbst verschwinden und euer wahrer Geist wird sich von selbst offenbaren.
Wenn ihr als Übende wahrhaft entschlossen seid, euch der großen Angelegenheit von Geburt und Tod zuzuwenden, haltet einzig an diesem einen Gedanken als dem fest, was wirklich ist. Alle anderen weltlichen Fähigkeiten und Künste – Gedichte verfassen, Kalligraphie üben, sogar soziale Kontakte zu knüpfen, Geselligkeit zu pflegen und müßigem Umherschweifen nachzugehen – sind allesamt verblendete, verwirrte Tätigkeiten. Wenn ihr nicht nach authentischer Übung strebt, sondern euch stattdessen oberflächlichen, leeren Beschäftigungen widmet, eure sechs Sinne ungezügelt umhertollen lasst und leeres Geschwätz ohne jeden Bezug zur Wirklichkeit von euch gebt, werdet ihr eure Zeit nur vergeblich verschwenden. Nicht nur werdet ihr ein hohles, zielloses Leben führen und einen verschwendeten, bedeutungslosen Tod sterben, sondern ihr könntet auch den karmischen Folgen eurer unheilsamen Taten nicht entkommen, gefangen für tausende von Leben und hunderte von Äonen, ohne jede Hoffnung auf Befreiung.
——Gesammelte Traumwanderungen des Ehrwürdigen Hanshan, Band 10: Ermahnung an den unerleuchteten Chan-Praktiker Jian