Meister Gangxiao: Erläuterungen zu den Zwanzig Strophen des Nur-Bewusstseins — Strophe 12
Die Atome haben keine räumliche Ausdehnung; wer also verbindet, und was wird hier zusammengefügt? Ohne Verbindung lassen sich weder zusammengesetzte Formen noch räumliche Ausdehnung begründen.
Strophe 12
Die Atome haben keine räumliche Ausdehnung; wer also verbindet, und was wird hier zusammengefügt? Ohne Verbindung lassen sich weder zusammengesetzte Formen noch räumliche Ausdehnung begründen.
Vasubandhu stellt den Vaibhāṣika-Meistern eine Frage: „Erklärt das bitte genauer — ich kann euch nicht ganz folgen." Doch seht euch Vasubandhu an: Versteht er wirklich nicht? Keineswegs. Wenn er es tatsächlich nicht verstanden hätte, wie hätte er sogleich die entscheidende Schwachstelle aufgreifen können? Ihr behauptet, die Atome besäßen keine räumliche Ausdehnung und könnten sich daher nicht verbinden; zusammengesetzte Formen oberhalb der atomaren Ebene besäßen dagegen räumliche Ausdehnung und könnten sich daher verbinden. Woraus aber bestehen diese zusammengesetzten Formen? Wie sollen sie entstehen? Die Vaibhāṣika-Meister waren sprachlos. Alles Unheil kommt davon, sich voreilig vorzuwagen! Wären die Vaibhāṣikas nicht für andere in die Bresche gesprungen, hätten sie jetzt nicht das Gesicht verloren. Freilich sind sie nicht so eigennützig wie ich; sie würden alles für den Dharma opfern, selbst ihr Haupt — wie könnten sie sich da an ein wenig verlorener Würde stören? Vasubandhu fährt fort: Ihr alle behauptet, zusammengesetzte Formen seien aus Atomen zusammengesetzt. Mit anderen Worten: Die Atome sind die Quelle der zusammengesetzten Formen. Ist die Quelle aber unklar, wie sollte der Strom klar bleiben? Wenn die Atome keine räumliche Ausdehnung haben und sich ihrem Wesen nach nicht verbinden können, dann können zusammengesetzte Formen unmöglich entstehen. Eure Behauptung, zusammengesetzte Formen besäßen räumliche Ausdehnung und könnten sich verbinden, entbehrt jeder Grundlage.
Umgekehrt gilt: Wenn zusammengesetzte Formen räumliche Ausdehnung besitzen und sich verbinden können, und da sie aus Atomen bestehen, dann müssten auch die Atome räumliche Ausdehnung besitzen und zur Verbindung fähig sein.
Wir können also folgendes festhalten: Wenn die Atome keine räumliche Ausdehnung haben und sich nicht verbinden können, dann können Berge, Flüsse und die große Erde nicht existieren — das widerspricht der unmittelbaren Wahrnehmung. Haben die Atome hingegen räumliche Ausdehnung und können sich verbinden, so widerspricht das eurer eigenen Lehre.
Die Vaibhāṣikas wehren sich noch verzweifelt, sind jedoch sichtlich in Verwirrung und ringen darum, die Situation zu retten. Sie können es sich freilich nicht leisten, eine Niederlage einzugestehen. Was Außenstehende angeht, sind die übrigens keine große Hilfe — die Vaibhāṣikas waren hierhergekommen, um euch beizustehen, und jetzt, da sie in der Klemme stecken, eilt ihr nicht zu ihrer Rettung. Schaut, wie ihr die Vaibhāṣikas in Verlegenheit gebracht habt; ich empfinde sogar Empörung an ihrer Stelle. Den Vaibhāṣikas bleibt nichts anderes übrig, als den Kampf allein fortzusetzen: „Dass die Atome keine räumliche Ausdehnung haben und sich nicht verbinden können, ist völlig stichhaltig. Ihr fragt, wie zusammengesetzte Formen existieren können, wenn die Atome sich nicht verbinden. Erlaubt mir, es so zu erklären: Das wahre Wesen der zusammengesetzten Formen besteht darin, dass sie lediglich Atome sind, die bis an eine gewisse Schwelle heran sehr eng zusammengerückt sind, ja, bemerkenswert eng. Ganz offen gesprochen: Sie haben sich nie tatsächlich verbunden; nur weil der Abstand zwischen ihnen so gering ist, bezeichnen wir sie herkömmlicherweise als ‚verbunden'. Das ist eine bloße konventionelle Bezeichnung, ganz so, wie man 9,99 zu 10 rundet — eine kleine Fehlerspanne bleibt, aber die ist verzeihlich." Achtet auf die Worte der Vaibhāṣikas: Ist ihr Ton nicht bereits milder geworden? Da schwingt mangelnde Zuversicht mit.
Nehmen wir ein weiteres Beispiel. Ich erinnere mich, vor langer Zeit einen Film gesehen zu haben — den Titel habe ich vergessen —, in dem es folgende Szene gab: Schüler mussten mehrere Dutzend Li zur Schule laufen und übernachteten deshalb dort. Da die Schule kein Wohnheim hatte, schoben die Schüler jeden Abend ein paar Tische zusammen, um sie als Bettunterlage zu nutzen, schliefen darauf und stellten die Tische tagsüber wieder auseinander, um sie als Schreibtische zu verwenden. Ein einzelner Tisch gleicht einem einzelnen Atom; schiebt man mehrere Tische zusammen, spricht man von einer Bettunterlage — ebenso sprechen wir von einer zusammengesetzten Form, wenn mehrere Atome nahe zusammengebracht werden. Egal, wie eng man die Tische zusammenrückt, im Grunde bleiben sie Tische. Mehrere zusammengeschobene Tische können nicht zu einer einzigen untrennbaren Bettunterlage verschmelzen; „Bettunterlage" ist nur eine konventionelle Bezeichnung. Werden mehrere Atome nahe zusammengebracht und bezeichnen wir sie als zusammengesetzte Form, so ist dieses „Verbinden" lediglich eine ungefähre Ausdrucksweise; „zusammengesetzte Form" ist nichts als eine konventionelle Bezeichnung. Genosse Vasubandhu, könntest du bitte aufhören, Haare zu spalten?
Jetzt ist es zu spät. Hätten sie früher klargestellt, ihre Theorie beruhe auf einer Fehlerspanne, wäre es Vasubandhu zu peinlich gewesen, weiter darauf herumzureiten. Doch Gelegenheiten entschwinden im Augenblick; wer sie nicht sogleich beim Schopf ergreift, kann sie nicht zurückholen. Gegen Reue ist in dieser Welt kein Kraut gewachsen. Zu viele Probleme sind bereits zutage getreten; Vasubandhu hat sich vorgenommen, sie in die Enge zu treiben.
Vasubandhu sagt: Gut denn. Wenn zusammengesetzte Formen — eurer Behauptung zufolge — lediglich Atome auf sehr engem Abstand sind, die sich nie tatsächlich verbunden haben, und wenn ihr früher dargelegt habt, zusammengesetzte Formen besäßen räumliche Ausdehnung, so können wir den folgenden Schluss ziehen: Räumliche Ausdehnung zu besitzen hat nicht zwangsläufig Verbindung zur Folge. Bei der Frage, ob sich die Dinge verbinden oder nicht, können wir die Eigenschaft der räumlichen Ausdehnung also getrost beiseitelassen. Und doch sagtet ihr zuvor, die Atome hätten keine räumliche Ausdehnung, könnten sich daher nicht verbinden und eine Verbindung finde nicht statt. Ist das nicht einigermaßen überflüssig — wie der Volksmund sagt, als lege man einen Kopf auf den anderen? Wohl kaum ein stichhaltiger Schluss, oder …
Halten wir noch einige weitere Punkte fest:
Wenn sich Atome nicht verbinden können, bestehen zusammengesetzte Formen dann tatsächlich aus Atomen? Oder anders gefragt: Wenn Atome sich nie verbunden haben und lediglich in sehr geringem Abstand zueinander stehen, ist dann eure frühere Aussage, Atome besäßen keine räumliche Ausdehnung und könnten sich daher nicht verbinden, nicht selbstwidersprüchlich? Ihr habt euch selbst eine Ohrfeige verpasst!
Nun wollen wir das Tempo anziehen und zur dreizehnten Strophe übergehen.