Jenseits der Worte
Als Meister Dongshan am Fang-Teich ankam, sah er einen Klosterbeamten, der vor der Versammlung eine Dharma-Rede hielt. Der Mann zitierte überhaupt keine Sutren oder schriftlichen Autoritäten; Dongshan hörte ihn nur leise vor sich hin mur...
Als Meister Dongshan am Fang-Teich ankam, sah er einen Klosterbeamten, der vor der Versammlung eine Dharma-Rede hielt. Der Mann zitierte überhaupt keine Sutren oder schriftlichen Autoritäten; Dongshan hörte ihn nur leise vor sich hin murmeln: Wie gänzlich wunderbar! Wie gänzlich wunderbar! Das Buddha-Reich, das Weg-Reich — gänzlich unvorstellbar! Nachdem er dies gehört hatte, trat Meister Dongshan vor und fragte: „Ich frage nicht nach dem Buddha-Reich oder dem Weg-Reich. Ich frage nur: Wer ist die Person, die hier vor uns gerade vom Buddha-Reich und vom Weg-Reich gesprochen hat?“ Der Mann, der die Rede hielt, war ein hochangesehener Klosterbeamter des Tempels und dessen Oberlehrmeister, den alle nur den Ersten Lehrmeister nannten. Als der Erste Lehrmeister die Frage hörte, verstummte er und sagte kein einziges Wort. Aber Meister Dongshan ließ nicht locker und drängte ihn immer wieder: „Warum sprecht Ihr nicht endlich?“ Da er nicht unterlegen wirken wollte, antwortete der Erste Lehrmeister: „Wenn ich überstürzt spreche, habe ich nichts davon.“ Meister Dongshan erwiderte: „Ihr habt noch kein einziges Wort gesagt — was soll das heißen, dass Ihr nichts davon habt, wenn Ihr überstürzt sprecht?“ Der Erste Lehrmeister verstummte erneut. Meister Dongshan erkannte, dass er endlich einen ebenbürtigen Widerpart gefunden hatte, milderte seinen Ton und sagte: „Buddha und der Weg sind letztlich nur Namen. Ich habe Euch eine Frage gestellt — warum habt Ihr nicht die Dharma-Lehren zitiert, um mir zu antworten?“ Da er eine Gelegenheit erkannte, fragte der Erste Lehrmeister eifrig: „Was sagen die Lehren?“ Meister Dongshan klatschte in die Hände, lachte herzlich und erwiderte: „Erfasst den Sinn, vergeßt die Worte!“ Wenn Zen-Praktizierende miteinander sprechen, wird dieser scharfe, hin- und hergehende Austausch jifeng genannt (oft als Dharma-Schlagabtausch übersetzt). Manchmal klingt es, als würden sie völlig aneinander vorbeireden, als spräche der eine von einem Kuhkopf und der andere von einem Pferdemaul — komplett unpassend — und doch teilen sich beide Praktizierenden eine tiefe, unausgesprochene Wahrheit. Nehmen wir zum Beispiel Meister Dongshan, der den Ersten Lehrmeister bat zu sprechen: Der Erste Lehrmeister antwortete nur mit Schweigen. Als der Erste Lehrmeister die Frage an Dongshan zurückgab und ihn fragte, wie er darauf antworten würde, sagte Dongshan: „Erfasst den Sinn, vergeßt die Worte.“ In Wahrheit ist das Vergessen der Worte das eigentliche Herz des authentischen Zen.