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Die sechs Lehrer debattieren über den Weg

Eines Tages machten sich die Bhikkhus des Jetavana-Klosters wie üblich auf den Weg in die Stadt, um Almosen zu sammeln. Es war noch früh, weit vor Mittag, also ruhten sie sich in der Halle einer nicht-buddhistischen Gruppierung aus. Drin...

Eines Tages machten sich die Bhikkhus des Jetavana-Klosters wie üblich auf den Weg in die Stadt, um Almosen zu sammeln. Es war noch früh, weit vor Mittag, also ruhten sie sich in der Halle einer nicht-buddhistischen Gruppierung aus. Drinnen lieferten sich die Anhänger einen unaufhörlichen Streit. „Ich habe recht – was verstehst du schon vom Dharma?“ „Du bist so einfällig und unwissend! Wie solltest du meine tiefen Lehren jemals begreifen?“ So ging es hin und her, keine Seite wich auch nur einen Fingerbreit ab. Wurde einer beleidigt, schlug er mit noch Härterem zurück. Die Bhikkhus, die sich in der Nähe ausruhten, wollten weder zwischen den Parteien richten noch länger verweilen. Einer nach dem anderen erhob sich und ging, um ihren Almosengang in der Stadt fortzusetzen.

Zurück im Kloster berichteten die Bhikkhus dem Buddha, was sie erlebt hatten. „Diese armen Andersgläubigen“, sagten sie. „Sie praktizieren und studieren blindlings, ihr Verständnis ist verzerrt, und doch verleumden sie einander mit solch harten Worten. Wann werden sie dem wahren Dharma endlich nahekommen und echte Befreiung finden?“ „Diese Menschen sind schon Leben für Leben in ihren festgefahrenen Ansichten verhaftet, bis zum heutigen Tag“, antwortete der Buddha. Er nutzte die Gelegenheit, um der Versammlung von den vergangenen Leben der sechs nicht-buddhistischen Lehrer zu erzählen.

Vor langer, langer Zeit, in einem fernen Zeitalter, lebte in Jambudvipa ein König namens Spiegelgesicht. Er hatte große Freude daran, die Mahayana-Schriften zu rezitieren; seine Weisheit war weit und tief, und er hatte die buddhistischen Lehren vollständig durchdrungen. Doch seine Untertanen schätzten nur nebensächliche Lehren und kleine Künste, während sie den tiefgründigen buddhistischen Kanon trocken und langweilig fanden. „Wie kann ich mein Volk zum Dharma führen, damit es dem höchsten Großen Weg nahekommen kann?“ Der König versank in tiefes Nachdenken. Bald darauf rief er seine Minister zu sich: „Bringt jeden Menschen in diesem Königreich, der von Geburt an blind ist, in den königlichen Garten, um dort einen Elefanten zu untersuchen!“ Gemäß dem Erlass des Königs brachten die Minister alle blinden Menschen des Landes zusammen und führten sie zum königlichen Elefantengehege.

Sobald sie auf den Elefanten zugingen, begannen die blinden Menschen, ihn abzutasten, um herauszufinden, was für ein Wesen dort vor ihnen stand. Einige berührten den Rüssel, andere die Ohren, die Beine oder den Bauch. Bald schon stritten sie darüber, wie ein Elefant wohl aussehe, und jeder war fest davon überzeugt, dass allein das, was er selbst ertastet hatte, der Wahrheit entsprach.

König Spiegelgesicht fragte sie: „Habt ihr den Elefanten nun alle gesehen? Wie sieht er aus?“ Der, der das Ohr berührt hatte, sagte: „Der Elefant ist wie ein Fächer.“ Der, der das Bein ertastet hatte, meinte: „Der Elefant ist wie eine Säule.“ Und der, der den Bauch gespürt hatte, sagte: „Der Elefant ist wie eine große Trommel.“ „Eure Majestät, der Elefant ist genau so, wie ich es beschrieben habe!“, riefen sie alle durcheinander. Jeder beharrte auf seiner Sichtweise, und bald stritt sich die ganze Gruppe direkt vor dem König. Als König Spiegelgesicht das sah, lächelte er und wandte sich an sein Volk: „Seht euch das an – jeder hat nur einen Teil des Elefanten erfasst und glaubt nun, das Ganze zu kennen. Die Weisheit des Dharma ist jedoch wie der weite, grenzenlose Ozean. Wer sich an das Studium nebensächlicher Pfade klammert, aber niemals die Sutren hört oder den Dharma vernimmt, ist genau wie diese blinden Menschen – er wird die Wahrheit niemals erkennen.“ Diese Worte bewegten die Menschen zum Nachdenken, und von da an begannen sie, buddhistische Schriften zu rezitieren.

Shakyamuni Buddha sagte darauf zu den anwesenden Bhikkhus: „Der König Spiegelgesicht von damals war ich. Und die blinden Männer, die den Elefanten untersuchten, waren diese nicht-buddhistischen Debattierenden.“ Auf dem Pfad der Praxis braucht man Vertrauen in den Dharma, man muss den Dharma hören und die Anleitung eines wahren spirituellen Freundes erhalten – sonst ist es nur allzu leicht, auf Abwege zu geraten, blindlings zu praktizieren und keinem Ziel näherzukommen. Ohne eine solche Führung bleibt man nicht nur in der Unwissenheit gefangen, ohne jede Hoffnung auf Befreiung, sondern schlimmer noch: Ein Blinder führt eine Schar von Blinden an und sät damit die Saat für einen Fall in die drei niederen Welten. „Eine menschliche Geburt ist schwer zu erlangen – und nun ist sie erlangt. Der Dharma ist schwer zu hören – und nun ist er gehört.“ Wer dem Dharma begegnet ist, sollte die Kostbarkeit der Drei Juwelen, die in dieser Welt weilen, umso mehr zu schätzen wissen. Nur wenn wir der Wahrheit folgen, die der Buddha offenbart hat, wird unser Pfad immer heller erstrahlen.

Reflexion

Dem Dharma zu begegnen ist selten, und einen wahren spirituellen Freund zu finden ist noch seltener. Wenn wir die Unbeständigkeit der Welt erkennen und den Entschluss fassen zu praktizieren, um den Kreislauf von Geburt und Tod zu durchbrechen, brauchen wir dafür zunächst die Führung eines solchen Freundes. Durch seine Unterweisung durchdringen wir die Wahrheit und erwecken in diesem Leben echte Weisheit. Erst dann können wir das Leiden wirklich erkennen und uns davon befreien. Ohne diese Führung ist blindes und planloses Praktizieren nicht nur eine Verschwendung dieses einen Lebens – es bedeutet, sich selbst zu täuschen und andere in die Irre zu führen. Wenn das Ende kommt, bleibt nichts als nutzlose Reue, und das Rad von Geburt und Tod dreht sich ein weiteres Mal.