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Das Gold abkratzen, um Leben zu retten

Ein Bettler in zerschlissenen Lumpen trat vor Chan-Meister Ryōsai und flehte ihn an: „Meine Familie hat seit Tagen nichts zu essen. Ich habe Alte, die versorgt werden müssen, und Kinder, für die ich sorgen muss. Der ganze Haushalt steht ...

Ein Bettler in zerschlissenen Lumpen trat vor Chan-Meister Ryōsai und flehte ihn an: „Meine Familie hat seit Tagen nichts zu essen. Ich habe Alte, die versorgt werden müssen, und Kinder, für die ich sorgen muss. Der ganze Haushalt steht am Rande des Verhungerns. Meister, habt Erbarmen mit uns. Wir werden Eure Güte unser ganzes Leben lang in Erinnerung behalten.“

Das Gesicht von Chan-Meister Ryōsai verdüsterte sich. Er wollte der Familie helfen, aber Jahre schwerer Dürre hatten auch den Tempel an den Rand des Hungers gebracht. Wie sollte er diese verarmten, leidenden Menschen nur retten? Einen Moment lang war er völlig ratlos.

Da erblickte er die Goldschicht auf der Buddha-Statue neben ihm. Nach einem kurzen Nachdenken kletterte er ohne Zögern auf die Statue und kratzte mit seinem Messer das Gold von ihrer Oberfläche. Er wickelte die Goldspäne in ein Tuch und gab sie dem Bettler mit den Worten: „Nimm dieses Gold, verkaufe es und kaufe damit Essen für deine Familie.“

Der Bettler, der sah, was der Meister getan hatte, zögerte und sagte: „Wie kann ich das nur annehmen? Das wäre eine Sünde. Euch in eine so schwierige Lage gebracht zu haben, ist mehr, als mein Gewissen ertragen kann.“

Einer von Ryōsais Schülern hielt es nicht länger aus und sagte: „Das Gold, das den Körper des Buddha bedeckt, sind seine Gewänder. Wie könnt Ihr es einem anderen geben? Ist das kein Verstoß gegen den Buddha? Ist das nicht eine große Respektlosigkeit?“

Chan-Meister Ryōsai antwortete mit fester Überzeugung: „Was Ihr sagt, ist richtig. Doch der Buddha ist mitfühlend: Er war bereit, von seinem eigenen Fleisch zu geben, um fühlende Wesen zu retten. Wie viel mehr wäre er bereit, nur seine Gewänder zu geben? Genau das ist der Wunsch des Buddha. Diese Familie steht am Rande des Verhungerns. Selbst wenn ich ihnen die gesamte Buddha-Figur gäbe, würde das immer noch dem Willen des Buddha entsprechen. Wenn mich das in die Hölle verdammt, dann würde ich, solange ich Lebewesen retten kann, durch Feuer und Wasser waten, ohne zu zögern.“

Zen-Reflexion: Gutes zu tun und ein mitfühlendes Herz zu kultivieren gelingt nicht durch Worte allein – es muss in die Tat umgesetzt werden. Wahre Überzeugung zeigt sich im Handeln und ist nicht an starre äußere Formen gebunden. Wer sich an die Oberfläche eines Glaubens klammert und sein innerstes Wesen ignoriert, der hegt nichts als leere, zur Schau gestellte Heuchelei.