Ge Ming: Buddhismus und die Überwindung des Samsara – Vom Missverständnis zur Wahrheit: Qian Zhongshus Perspektive
In den Köpfen vieler Menschen ist der Buddhismus beinahe gleichbedeutend mit dem Kreislauf der Wiedergeburt. Die Vorstellung, nach dem Tod durch die sechs Daseinsbereiche zu wandern, von karmischer Ursache und Wirkung, von einer Geburt i...
In den Köpfen vieler Menschen ist der Buddhismus beinahe gleichbedeutend mit dem Kreislauf der Wiedergeburt. Die Vorstellung, nach dem Tod durch die sechs Daseinsbereiche zu wandern, von karmischer Ursache und Wirkung, von einer Geburt in das nächste Leben – all das gilt weithin als die bekannteste und zugänglichste Lehre des Buddhismus. Vom Brauchtum im Volk bis zu öffentlichen Wortmeldungen mancher Intellektueller und Kulturschaffender ist diese Auffassung tief verankert. Wenn der Geschichtskommentator Luo Zhenyu in seiner Sendung über die buddhistischen Gelübde spricht, betrachtet auch er die Tradition durch eine ähnliche Brille, als wäre der Kreislauf der Wiedergeburt die grundlegendste Antwort des Buddhismus auf die menschliche Existenz. Für die meisten ist das eine Selbstverständlichkeit – ein Stück Volksglaube der überkommenen Gesellschaft. Doch gerade in dieser Wahrnehmung verschwindet das, was den Buddhismus im Innersten ausmacht: das Hinausgelangen über den Kreislauf der Wiedergeburt, das Freiwerden vom Leiden und das Erwachen.
Das eigentliche Ziel des Buddhismus war nie, im Kreislauf der Wiedergeburt Trost zu finden, sondern ihm ganz zu entkommen. Im Kern von Buddhas Erwachen liegt die Erkenntnis der wahren Natur des Leidens – und damit das Verstehen, dass seine Wurzel Unwissenheit und Anhaften sind. Was der Übende sucht, ist keine bessere Wiedergeburt im nächsten Leben, sondern die Verwirklichung von Nirvana hier und jetzt: das Freiwerden aus den drei Daseinsbereichen, das Ende von Geburt und Tod. Genau darin unterscheidet sich der Buddhismus grundsätzlich von gewöhnlichem religiösem Glauben. Qian Zhongshu war lange für seine gründlichen Studien buddhistischer Schriften bekannt, und in seinen literarischen wie kunstkritischen Werken griff er mit leichter Hand auf buddhistische Grundsätze zurück. Einmal übte er scharfe Kritik an einem Satz, den Tang Sanzang in der Folge „Frauenreich" der TV-Verfilmung von Die Reise nach Westen zur Königin sprach: „Wenn es in diesem Leben keine Hoffnung gibt, möge unser karmisches Band uns ins nächste hinübertragen." Qian vertrat die Auffassung, dass dieser Satz das Bild des Tang Sanzang als aufrichtig Suchenden empfindlich beschädige. Ein Übender, der wirklich entschlossen ist, die Welt zu überschreiten, würde seine Hoffnung niemals auf die illusorischen Bande eines künftigen Lebens setzen – eine solche Haltung widerspricht dem buddhistischen Grundsatz, den Kreislauf der Wiedergeburt zu überwinden, zutiefst. Spräche Tang Sanzang diese Worte wirklich, wäre er nicht mehr der unerschütterliche Pilger, der westwärts zieht, um Sutras und Bodhi zu erlangen, sondern ein gewöhnlicher Sterblicher, verstrickt in weltliche Zuneigung.
Der Buddhismus ist kein abgehobenes Gedankenspiel jenseits der Wirklichkeit. Er betont den Mittleren Weg – weder in äußerste Askese zu verfallen noch sich sinnlichen Genüssen hinzugeben. Im Alltag verwirklicht der Übende den Edlen Achtfachen Pfad und handelt mit geerdeter Aufrichtigkeit als Mensch in dieser Welt. Auf der Ebene der Transzendenz strebt er danach, zu einem höheren Bewusstseinszustand zu erwachen und die wahre Befreiung zu erlangen. Praxis ist niemals Flucht vor dem Leben; sie ist Erwachen im Leben selbst – jene Läuterung, die daraus hervorgeht. Die tägliche Pflege der Gelübde, der Freigebigkeit, der Geduld und der Meditation ist ein Läutern des Herzens im Staub der Welt und weist doch letztlich auf das „andere Ufer" jenseits des Kreislaufs der Wiedergeburt hin. Gerade diese Einheit von Weltlichem und Transzendentem macht die feine Strahlkraft buddhistischer Weisheit und Praxis aus. Den Buddhismus auf einen bloßen „Volksglauben an Wiedergeburt" zu reduzieren, verflacht nicht nur seine Lehre, sondern verzerrt sowohl sein tiefes Engagement für die Wirklichkeit als auch seine Dimension der Transzendenz.
Bedauerlicherweise haben viele heutige Wissensvermittler und Kulturkommunikatoren dieses Missverständnis fortgeführt und mitunter noch vertieft. Bei der Wissensverbreitung greifen Figuren wie Luo Zhenyu zuweilen gängige Klischees auf, zuweilen stehen sie unter dem Einfluss langjähriger ideologischer Prägungen, zuweilen pflegen sie eine Neigung, mit der Tradition zu brechen und den Konfuzianismus auf Kosten des Buddhismus aufzuwerten. Ihr Verständnis des Buddhismus bleibt an der Oberfläche. Ob mit oder ohne Absicht – sie setzen ihn mit einem abergläubischen Wiedergeburtsglauben gleich oder bewerten ihn beiläufig aus moderner rationalistischer Perspektive und übersehen dabei die grundlegenden Lehren von Vergänglichkeit, Nicht-Selbst und Transzendenz. Solche unbedachten Kommentare, geboren aus unzureichendem Wissen, offenbaren bald ihre Risse. Schlimmer noch: Internet-Berühmtheiten wie Dong Yuhui zeigen in ihren wortgewandten Auftritten immer wieder, wie oberflächlich ihr Verständnis der Tradition tatsächlich ist. Gestützt auf Klickzahlen und Redegewandtheit, geben sie in ihren Livestream-Räumen beliebig Kommentare zu Buddhismus, Daoismus und Konfuzianismus zum Besten, liegen oft gründlich daneben und werden zur Lachnummer. Diese „Fast-Food"-Deutungen mögen die Neugier des Publikums stillen, vertiefen jedoch das Missverständnis: So wird eine Weisheit, die nach geistiger Transzendenz streben sollte, zu beiläufigem Geplauder oder zu rührseliger „Seelensuppe" für nach dem Essen degradiert.
Den Buddhismus wirklich zu verstehen verlangt, den überkommenen volkstümlichen Rahmen beiseitezulegen und zum ursprünglichen Herzen des Dharma zurückzukehren. Er ist keine fatalistische Lehre, die den Menschen in den Kreislauf der Wiedergeburt stürzt; er weist einen Weg zu Freiheit und Erwachen. Er lehrt uns, dass Leiden nicht unvermeidlich ist und dass Anhaften seine Wurzel ist. Befreiung ist keine ferne Hoffnung auf das nächste Leben, sondern eine Übung, die hier und jetzt zu vollziehen ist. Erst wenn wir aufhören, den Buddhismus als „Placebo für das nächste Leben" zu behandeln, und ihn stattdessen als umfassenden Lebensweg begreifen, können wir seine Kraft wirklich spüren.
In der unruhigen Kulturlandschaft unserer Zeit gewinnt es eine besondere Bedeutung, die echten Einsichten eines Qian Zhongshu erneut zu bedenken. Sie erinnern uns daran, dass wir nicht bei oberflächlichen Volksbräuchen oder dem Geschwätz von Internet-Prominenten stehenbleiben dürfen, sondern eine ernsthafte, gründliche Haltung einnehmen müssen, um ihren transzendenten geistigen Kern zu würdigen. Nur so lassen sich Fehldeutungen vermeiden, und nur so vermag die Weisheit des Buddhismus in unserer Zeit das Herz zu reinigen und das Leben zu leiten. Den Kreislauf der Wiedergeburt zu überschreiten ist keine leere Parole, sondern ein Weg des Erwachens, den jeder aufrichtig Suchende gehen kann – hier, in dieser Welt, mitten im Alltag selbst.